Cyberangriffe auf Kanzleien fast verdoppelt
Wer die Geheimnisse seiner Mandanten hütet, hütet aus Sicht von Cyberkriminellen einen Tresor. Ein Ende Oktober 2026 veröffentlichter Branchenreport zeigt, wie gezielt Angreifer inzwischen auf diesen Tresor zugreifen: Die Zahl der Angriffe auf Organisationen im Rechtssektor hat sich im Vergleich zu 2023 fast verdoppelt, und Deutschland gehört zu den am häufigsten betroffenen Ländern (dpa-Bericht zum CrowdStrike Legal Threat Landscape Report 2026, 29.10.2026).
Für Anwaltskanzleien, Steuerberater und Notariate in Deutschland ist das mehr als eine Statistik: Es geht um Mandatsgeheimnisse, berufsrechtliche Pflichten und im Ernstfall um die Existenz der Kanzlei. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse des Reports zusammen und übersetzt sie in konkrete Maßnahmen für Kanzleien jeder Größe.
Die Zahlen: Cyberangriffe auf Kanzleien im Report 2026
Die zentralen Befunde des Reports im Überblick (Quelle: dpa/WNOZ):
- Fast Verdopplung der Angriffe auf den Rechtssektor gegenüber 2023.
- 82 Prozent der beobachteten Angriffe sind finanziell motiviert.
- 455 Legal-Organisationen wurden zwischen September 2025 und August 2026 auf Leak-Seiten von Erpressergruppen gelistet, ein Plus von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- Rund 18 Prozent der Angriffe werden staatlich unterstützten Akteuren zugerechnet, überwiegend mit China-Bezug, fast doppelt so viele wie 2023.
- Deutschland zählt neben den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Israel zu den am stärksten betroffenen Ländern.
Gesucht werden vor allem vertrauliche Mandantendaten: M&A-Pläne, geistiges Eigentum, Finanzdaten und Prozessstrategien, Informationen, die sich für Erpressung ebenso eignen wie für Wirtschaftsspionage.
Warum gerade Kanzleien?
Drei Eigenschaften machen Kanzleien zum bevorzugten Ziel. Erstens bündeln sie hochvertrauliche Daten vieler Mandanten an einem Ort, ein Angriff, viele Opfer. Zweitens stehen sie unter besonderem Zahlungsdruck: Die berufsrechtliche Verschwiegenheitspflicht und drohende Reputationsschäden machen eine Veröffentlichung gestohlener Daten existenzbedrohend, was Erpresser gezielt ausnutzen. Drittens dienen Kanzleien laut Report zunehmend als Sprungbrett in die Netzwerke ihrer Mandanten, Großunternehmen, Behörden und Technologiekonzerne.
Hinzu kommt die strafrechtliche Dimension: Wer als Berufsgeheimnisträger Mandatsgeheimnisse unzureichend schützt, riskiert neben zivilrechtlicher Haftung auch Konsequenzen nach § 203 StGB.
Die Maschen: So gehen Angreifer gegen Kanzleien vor
Der Report beschreibt mehrere Gruppen mit bemerkenswert unterschiedlichen Methoden, und keine davon beginnt mit einem Hollywood-Hack:
Falscher IT-Support (Social Engineering): Die laut Report aggressivste Gruppe, "Chatty Spider", hat ihre Aktivität binnen eines Jahres um 129 Prozent gesteigert und zielt fast ausschließlich auf Kanzleien. Die Täter geben sich als interne IT-Mitarbeiter aus und bringen Beschäftigte dazu, Fernwartungssoftware zu installieren. In einem dokumentierten Fall begann der Datenabfluss vier Minuten nach dem Eindringen.
Angriffe über Branchensoftware: Eine weitere Gruppe nutzte Schwachstellen in einer verbreiteten Abrechnungssoftware für Kanzleien, um sich Fernzugriff zu verschaffen. Spezialisierte Fachanwendungen werden beim Patchen oft übersehen, ein klassischer blinder Fleck.
Massenhafte Login-Versuche auf Microsoft 365: Breit angelegte Passwort-Angriffe auf Kanzlei-Postfächer. Ohne Multi-Faktor-Authentifizierung genügt ein einziges wiederverwendetes Passwort. Wie professionell Angreifer derzeit Microsoft-365-Zugangsdaten abgreifen, zeigt auch die aktuelle Teams-Phishing-Welle mit gefälschten Meeting-Einladungen (Check-Point-Analyse, Oktober 2026).
Sechs Maßnahmen: IT-Sicherheit in der Kanzlei konkret verbessern
1. Multi-Faktor-Authentifizierung überall erzwingen
MFA auf allen Konten, E-Mail, Kanzleisoftware, beA-Umgebung, VPN, ist die wirksamste Einzelmaßnahme gegen die beschriebenen Login-Angriffe. Phishing-resistente Verfahren (FIDO2/Passkeys) sind Codes per SMS vorzuziehen.
2. Fernwartungssoftware strikt kontrollieren
Legen Sie fest, welche Remote-Tools in der Kanzlei erlaubt sind, und blockieren Sie alle anderen technisch. Etablieren Sie eine einfache Regel: Kein Mitarbeiter installiert Software auf Zuruf, auch nicht für den "IT-Support". Ein Rückruf über eine bekannte interne Nummer entlarvt die Masche in Sekunden.
3. Fachsoftware ins Patch-Management aufnehmen
Kanzleisoftware, Abrechnungs- und Diktatsysteme brauchen denselben Update-Rhythmus wie Windows und Browser. Fragen Sie Ihren Softwareanbieter aktiv nach Sicherheitsupdates und Wartungszusagen.
4. Mitarbeiter gezielt sensibilisieren
Die Chatty-Spider-Masche funktioniert, weil sie menschlich überzeugend ist. Schulen Sie Anwälte, ReFas und Sekretariat anhand realer Szenarien: falscher IT-Support, gefälschte Mandantenmails, manipulierte Kalendereinladungen.
5. Angriffe erkennen, bevor Daten fließen
Vier Minuten bis zum Datenabfluss, diese Zahl aus dem Report zeigt: Prävention allein reicht nicht, es braucht Erkennung in Echtzeit. Ein durchgehendes Monitoring durch Managed Detection & Response erkennt verdächtige Fernzugriffe und Datenbewegungen auch nachts und am Wochenende, ohne dass die Kanzlei ein eigenes Security-Team aufbauen muss. Managed Detection & Response für Kanzleien
6. Den Ernstfall vorbereiten
Ein Incident-Response-Plan mit klaren Rollen, Meldewegen (Datenschutzaufsicht, Rechtsanwaltskammer, Mandanten) und einem externen Notfallpartner verhindert, dass im Ernstfall improvisiert wird. Incident Response: Soforthilfe bei Sicherheitsvorfällen
Ergänzend lohnt ein regelmäßiger Blick von außen: Ein Penetrationstest deckt auf, wie weit ein Angreifer in Ihrer Kanzlei tatsächlich käme, von der Website bis zum Mandantenlaufwerk. Penetrationstest für Kanzleien
Verschwiegenheit braucht nachweisbare Sicherheit
Die Verschwiegenheitspflicht ist das Fundament des Mandatsverhältnisses, und sie endet nicht am Aktenschrank. Die BRAO und § 203 StGB verlangen von Berufsgeheimnisträgern faktisch ein angemessenes technisches Schutzniveau, auch beim Einsatz externer Dienstleister. Kanzleien, die ihre Sicherheitsmaßnahmen strukturiert dokumentieren, sind doppelt im Vorteil: gegenüber Angreifern und gegenüber Mandanten, die zunehmend Sicherheitsnachweise einfordern, bevor sie sensible Verfahren übergeben. Ein externer Informationssicherheitsbeauftragter kann diese Struktur aufbauen und pflegen, ohne dass dafür eine eigene Stelle nötig wird. Externer ISB für Kanzleien
Fazit
Der Rechtssektor ist 2026 kein Nischenziel mehr, sondern ein Schwerpunkt professioneller Angreifer, mit Methoden, die auf die Schwachstelle Mensch und auf übersehene Fachsoftware zielen. Die gute Nachricht: Die wirksamsten Gegenmaßnahmen sind bekannt und auch für kleine und mittlere Kanzleien umsetzbar. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihre Kanzlei heute steht, sprechen Sie uns an, wir beraten nüchtern und auf Basis Ihrer tatsächlichen Risiken. Unverbindliches Erstgespräch vereinbaren
Quellen
- dpa/WNOZ: Report, Cyberkriminelle nehmen Rechtssektor ins Visier (29.10.2026): https://www.wnoz.de/nachrichten/deutschland-und-die-welt/wissenschaft/report-cyberkriminelle-nehmen-rechtssektor-ins-visier-1155242.html
- Yahoo Nachrichten: Report, Cyberkriminelle nehmen Rechtssektor ins Visier: https://de.nachrichten.yahoo.com/report-cyberkriminelle-nehmen-rechtssektor-ins-033007168.html
- börse-express/Check Point: Microsoft-Teams-Phishing zielt auf 40.000 Organisationen (21.10.2026): https://www.boerse-express.com/news/articles/microsoft-teams-phishing-gefaelschte-einladungen-zielen-auf-40000-organisationen-954908
Häufige Fragen
Sind auch kleine Kanzleien von Cyberangriffen betroffen?
Ja. Ein großer Teil der Angriffe erfolgt automatisiert (Massen-Phishing, Login-Versuche auf Microsoft 365) und unterscheidet nicht nach Kanzleigröße. Kleine Kanzleien sind zudem attraktiv, weil sie dieselbe Art vertraulicher Daten halten wie Großkanzleien, aber selten über Monitoring oder dedizierte IT-Sicherheit verfügen.
Was macht Ransomware für Kanzleien besonders gefährlich?
Moderne Erpressergruppen verschlüsseln nicht nur Systeme, sondern stehlen vorab Mandantendaten und drohen mit Veröffentlichung ("Double Extortion"). Laut dem aktuellen Report wurden binnen eines Jahres 455 Legal-Organisationen auf Leak-Seiten gelistet. Für Kanzleien bedeutet eine Veröffentlichung neben dem Reputationsschaden mögliche Verstöße gegen die Verschwiegenheitspflicht und DSGVO-Meldepflichten.
Woran erkenne ich den "falschen IT-Support"?
Typisch sind unangekündigte Anrufe oder Chat-Nachrichten angeblicher IT-Mitarbeiter, Zeitdruck ("dringendes Sicherheitsproblem") und die Aufforderung, Fernwartungssoftware zu installieren oder Zugangsdaten zu bestätigen. Wirksamste Gegenmaßnahme: auflegen und über eine bekannte interne Nummer zurückrufen. Seriöser IT-Support fragt nie nach Passwörtern.
Was kostet ein Sicherheitsvorfall eine Kanzlei im Vergleich zur Prävention?
Pauschal lässt sich das nicht beziffern, aber die Schadensbestandteile sind bekannt: Betriebsunterbrechung, Forensik, Rechtsberatung, Meldepflichten, mögliche Bußgelder und Mandatsverluste. Präventionsmaßnahmen wie MFA, Awareness und ausgelagertes Monitoring kosten dagegen planbare monatliche Beträge, in der Regel einen Bruchteil eines einzigen Vorfalls.
MDR mit 24/7-SOC aus Deutschland
Valyros betreibt ein 24/7-SOC und schützt KMU, Arztpraxen, Kanzleien und den Mittelstand – DSGVO-konform mit Datenhaltung in Deutschland.
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